Territorium: Die unsichtbare Kraft zwischenmenschlicher Dynamiken

Achtsamkeit, Einsamkeit, Praxis, Selbstbestimmung, Territorialtheorie

Das Schlechte am Guten: Wir bemerken es oft nicht. Ist unser Leben im Gleichgewicht, ist es frei von Reibung, wir spüren weder Enge noch Atemnot. Aber es wirken Kräfte auf unser Sein im Leben, die gestalten und uns aus dem Gleichgewicht bringen können. Wände kommen näher, wir fühlen uns angegriffen in unserem Territorium, im Hoheitsraum unserer Selbstbestimmung. Welche Kräfte wirken hier, wie gestalten wir sie und wie behaupten wir unser Territorium, ohne uns zu verschliessen? Entdecken wir gemeinsam die Landschaft der Territorialtheorie und wie wir sie bei Neomentum als Teil des Behandlungskonzeptes aufnehmen.

Menschen im Park – Gemeinschaft und Territorien.

Menschen im Park – Gemeinschaft und Territorien.

Das individuelle Territorium

Norbert Bischof definiert das individuelle Territorium als den persönlichen, psychischen und sozialen Raum, den ein Mensch für sich erschafft und verteidigt. Drei überlappende Bereiche prägen dieses Territorium:

  • Körperlich: Der physische Körper und die unmittelbare Sinneswahrnehmung – das, was man unmittelbar spürt und kontrolliert.
  • Psychisch: Gedanken, Gefühle, Erinnerungen und innere Vorstellungen, die das Selbst ausmachen.
  • Sozial: Rollen, Beziehungen und gesellschaftliche Positionen, die das Individuum in seinem Umfeld einnimmt und die durch Interaktion mit anderen ständig neu abgegrenzt werden.

Diese drei Ebenen bilden zusammen das Territorium des Individuums, das ständig durch innere Prozesse und äussere Einflüsse wie kulturelle Normen oder zwischenmenschliche Konflikte neu ausgehandelt wird.

Ich zitiere Norbert Bischof[1], weil sein Werk «Rätsel Ödipus»[2] eine zentrale Grundlage für die Territorialtheorie bildet, die mein Verständnis des Themas massgeblich geprägt hat. Zudem war er mein Professor an der Universität Zürich, und ich blicke mit grosser Freude und Dankbarkeit auf diese Ausbildungszeit zurück.

Warum das Thema wichtig ist

Erschütterungen des territorialen Sicherheitsgefühls können psychischen und physischen Stress auslösen. Abwehr, Angriff, Apathie sind mögliche Reaktionen. Akut mögen sie den Stress lindern oder ein Sicherheitsgefühl aufbauen, auf Dauer aber stören sie unser Gleichgewicht und beeinträchtigen sie unsere Lebensqualität massgeblich. Und Ihre Lebensqualität liegt uns am Herzen.

Die Ressource, die hier entscheidet, heisst Raum. Und der wird durch unsere Grenzen geformt.

Umarmung – wer Raum geben will, muss Raum haben.

Simon says: Wer Raum geben will, muss Raum haben.

Traumatische und alltägliche Angriffe auf unser Territorium

Bei Trauma, Stress oder erlebter Gewalt sind Raum- und Grenzempfinden verletzt. Ein Einbruch im eigenen Heim zum Beispiel kann einen solchen Effekt haben und dazu führen, sich im eigenen Körper und im Kontakt zum Aussen «verloren» zu fühlen.

Die territoriale Dynamik des Raum findens oder Raum suchens beobachten wir auch im Alltag. Ein volles Tram, ein volles Leben, Reize überall – der letzte, sichere Raum, so scheint es, haben wir hinter dem Smartphone gefunden. «Bis hierhin und nicht weiter» lassen wir die Welt an uns ran. Unser Territorium sichern wir uns auf den Raum zwischen Screen und Gesicht. Ein Bild, das ich als Wunsch nach Raum, mehr Raum, mehr eigenem Raum, lese.

Wieder Raum finden heisst: innere Sicherheit zurückgewinnen, Spürfähigkeit für den eigenen Impuls und die eigene Position entwickeln.

Das ist nicht verwunderlich, sind wir doch «evolutionsbiologisch von der sozialen Komplexität des Zusammenlebens in der Stadt überfordert», wie die Evolutionsbiologin Elisabeth Oberzaucher weiss.[3] «Unsere soziale Kognition kommt höchstens mit 150 Individuen zurecht. Wir müssen uns im öffentlichen Raum vor den Zumutungen durch alle möglichen Reize schützen. Es ist unmöglich, permanent den Anblick so vieler fremder Gesichter zu verarbeiten. Allerdings sind wir evolutionär darauf geprägt, gerade Gesichter besonders aufmerksam zu registrieren.»

Es gilt also, unseren Raum bewusst zu gestalten, das Territorium abzustecken. Stellen Sie sich ein erstes Kennenlernen, ein Bewerbungsgespräch ohne Tisch vor. Sich vis-à-vis sitzend ohne Grenzen. Es entstünde ein anderes Gefühl. Also, die Gestaltung des Raumes und das Verständnis auf Grenzen ist entscheidend. Bei Neomentum berücksichtigen wir dies in Therapiesitzungen.

Unser Raum im Leben

Den Raum gestalten, Raum haben, Raum geben – scheinbar einfache Wegbeschreibungen, die in eine komplexe psychologische Landschaft führen, auf deren Durchwanderung wir uns selbst besser kennenlernen. In den Rucksack packen wir die Territorialtheorie von Norbert Bischof, wie eingangs erwähnt.

Unser Sein im Raum

Betrachten wir das Leben als unseren Raum. Hier ist der Raum durch verschiedene Kräfte definiert:

  • Biologie: Gene, Neurochemie, Gesundheit und körperliche Verfassung beeinflussen Temperament, Fähigkeiten und Verhalten.
  • Psychologie: Persönlichkeit, Überzeugungen, Emotionen, frühkindliche Erfahrungen und unbewusste Prozesse steuern Entscheidungen und Reaktionen.
  • Soziales Umfeld: Familie, Freunde, Partnerschaften, kulturelle Normen und soziale Rollen prägen Werte, Identität und Handlungsmöglichkeiten.
  • Ökonomie: Finanzielle Ressourcen, Beruf, Bildung und soziale Mobilität beeinflussen Chancen, Stresslevel und Lebensstil.
  • Politik & Gesellschaft: Gesetze, Institutionen, Machtverhältnisse und gesellschaftliche Strukturen formen Freiheiten, Sicherheit und soziale Gerechtigkeit.
  • Kultur & Werte: Religion, Ethik, Traditionen, Kunst und Medien vermitteln Sinn, Moral und Ästhetik.
  • Umwelt: Geografie, Klima, Lebensraum und Zugang zu natürlichen Ressourcen bestimmen Lebensbedingungen und Gesundheit.
  • Zufall & Ereignisse: Unvorhersehbare Lebensereignisse (Unfälle, Chancen, Krisen) ändern oft Lebenswege plötzlich.
  • Selbstgestaltung: Bewusste Entscheidungen, Gewohnheiten, Bildung, Reflexion und Willenskraft ermöglichen persönliches Wachstum und Veränderung.

Unser Territorium

Das Wort Territorium mag auf Anhieb dem Tierreich zugeordnet werden und Bilder primitiver Verhaltensmuster in uns auslösen. Wir sind schliesslich keine Ast schwingenden, um ein Wasserloch kämpfenden Primaten mehr, oder?

Sicher ist, wir sind noch immer Tiere. Nacktaffen, mit Daumen, Selbstwahrnehmung und besonderen, kognitiven, kulturellen und moralischen Eigenschaften. Aber tief in uns drin sind noch immer Verhaltensweisen, Mechanismen, Reiz-Reaktionsketten nach der Programmierung den ersten, primitiven Ablaufmuster unserer Spezies.

Auch die Notwendigkeiten, die wir zur Sicherung unseres Überlebens erfüllen müssen und die Wünsche, die unsere Lebenserfahrung auf diesem Planeten erweitern, sind noch da. Eine erste, grosse Notwendigkeit ist unser Territorium in Form von einem Zuhause. Aber was ist das? Ja, dort wo das Herz hindenkt, wenn man es loslässt. Aber wenn wir in Territorien denken: ein räumliches Sicherheitsgefühl. Dies ist der physische, territorial abgesteckte Ort im Leben und dieser Ort wird durch verschiedene Spezifikationen definiert.

Mein ehemaliger Professor an der Universität Zürich, Norbert Bischof, hat mit «Rätsel Ödipus» exemplarisch gezeigt, wie Macht- und Rangdynamiken (auch im Tierreich) Formen von territorialer Ordnung erzeugen. Die Analogie ist aufschlussreich: Im sozialen «Ranking» geht es oft um Positionen, um Anspruch und Sicherheit. Genau jene Themen, die Territorialtheorie in zwischenmenschlichen Feldern sichtbar macht.

Bei Bischof begegnet das Ödipus-Motiv als Frage nach Verorten, Ansprüchen und der Aushandlung von Rollen. In der therapeutischen Praxis heisst das: Wer beansprucht welchen Raum? Wer darf führen, wer soll folgen? Unsere Aufgabe ist, diese Dynamiken zu entmystifizieren, sie sichtbar und verhandelbar zu machen, damit Klienten ihre Position neu bestimmen können, ohne destruktive Konkurrenz oder Unterordnung.

In meiner Praxiserfahrung bei Neomentum habe ich über Jahre erlebt: Therapie und Coaching beginnen nicht nur im Kopf, sie beginnen im Raum und in der Beschäftigung mit dem Raum. Territorialtheorie fasst zusammen, wie Menschen ihren physischen und psychischen Raum organisieren, verteidigen und teilen und warum das für Heilung, Wachstum und Beziehungsgestaltung zentral ist.

Grenzen setzen – wie mache ich das?

Grenzen setzen – wie mache ich das?

Ich möchte dabei folgende Territorien unterscheiden[4]:

  • primäre Territorien wie das eigene Zuhause, der individuelle Arbeitsplatz
  • sekundäre Territorien wie die Schule, die Firma, der Ort bzw. die Institution, wo man arbeitet
  • öffentliche Territorien wie Fussgängerzonen, Freizeitparks, Kneipen, Strände

Innerhalb dieser Territorien definieren wir die (persönlichen) Zonen[5]:

  • Die Intimzone (15 -50 cm) ist die Wichtigste Zone des Menschen, denn in diese Zone dürfen nur Menschen mit einer besonderen Erlaubnis eindringen, mit denen ein enger emotionaler Kontakt besteht.
  • Die Privatzone (50 -1,2 m) ist eine gewöhnliche Entfernung zwischen den Menschen in einer Party oder ähnlichen Veranstaltungen. In diesem Bereich führt man persönliche Gespräche, ohne sich bedrängt zu fühlen
  • Die Sozialzone (1,2 – 3,6 m), in der man mit Unbekannten kommuniziert
  • Die Öffentlichkeitszone (mehr als 3,6 m) ist die beste Entfernung, wenn man sich an eine Gruppe von Menschen wendet. (Stangl, 2025).

In diese Territorien und Zonen hinein spielen unsere Bedürfnisse Nähe, Wärme, Intimität einerseits und Unabhängigkeit, Selbstständigkeit, Autonomie andererseits[6]

Was ist gemeint mit «Raum» und «Grenze»?

  • Raum haben: einen Platz einnehmen dürfen. Physisch, emotional, in einer Beziehung oder Rolle.
  • Raum geben: anderen erlauben, ihren Platz einzunehmen, ohne übergriffig zu werden.
  • Grenzen setzen: nicht nur «Nein» sagen, sondern Kontakt gestalten. Klare, sinnvolle Signale, die Nähe und Distanz regeln.
  • Sich schützen / eine Position haben: eine stabile innere Haltung entwickeln, die Wirkung zeigt und gleichzeitig Beziehungsfähigkeit bewahrt.

Raum und Grenze sind weniger starre Mauern als dynamische Felder: sie schaffen Sicherheit und Stabilität, die notwendig sind, damit Veränderung stattfinden kann und wir uns wohl fühlen.

Territorialtheorie in Therapie und Coaching

Territoriale Arbeit ist kein Nischenwerkzeug. Bei Neomentum nutzen wir sie:

  • als Grundtechnik in Therapie und Coaching,
  • zur Gestaltung von Bindungen und Beziehungen,
  • zur Stabilisierung nach Traumatisierungen,
  • als praktische Intervention im Alltag (z. B. Raum markieren, Kommunikationsregeln, körperbasierte Übungen).

Grenze heisst nicht nur Abgrenzung; sie ist auch Einladung zu einem Bezug, der für mich stimmig ist. So wird Grenze zu einem Instrument, das Kontakt möglich macht, statt ihn zu verhindern.

Die vier Säulen bei Neomentum

Bei Neomentum strukturieren wir unsere Arbeit um vier Säulen. Sie bilden den praxisinternen Kompass für alle Interventionen.

1. Territorium – Persönlicher und psychischer Raum

Definition und Erfahrung des eigenen Raums: Wo stehe ich? Wie nehme ich Raum ein? Hier arbeiten wir mit physischen Markierungen, imaginären Grenzen und Körperarbeit, damit Klienten ein Gefühl für ihren persönlichen Raum entwickeln und verteidigen können.

2. Kommunikation – Gestaltung von Kontakten

Wie werden Grenzen verbalisiert und nonverbal vermittelt? Kommunikation ist die Brücke zwischen Innenwelt und Aussenwelt. Wir üben klare, respektvolle Signale. So, dass Kontakt entsteht, ohne eigene Integrität zu verlieren.

3. Trauma – Verarbeitung von Grenzverletzungen

Traumafokussierte Arbeit richtet sich explizit auf verletzte Raum- und Grenzstrukturen. Ziel ist, verlorene Spürfähigkeit wiederherzustellen, Selbstschutzmechanismen zu integrieren und schrittweise die Fähigkeit für sicheren Kontakt zurückzugewinnen.

4. Beziehungen – Dynamische Raumgestaltung

Beziehungsgestaltung als Praxisfeld: Wie verhandeln Partnern, Familien, Teams Raum? Wie entstehen sichere Bindungen? Hier verbinden wir individuelles Raumempfinden mit dyadischen und systemischen Mustern.

Über den Raum kommen wir in die Körperarbeit mit Atem-, Haltungs- und Orientierungsübungen zur Wiederherstellung räumlicher Selbstwirksamkeit.

Fazit – Raum- und Grenzarbeit in der therapeutischen Praxis bei Neomentum

Bei Neomentum verstehen wir Raum- und Grenzarbeit als Herzstück jeder therapeutischen und coachenden Praxis. Raum geben heisst zugleich: Raum schützen, Räume aushandeln und Räume erweitern. Das ist unser Angebot – eine Kombination aus bodenständiger, körperorientierter Praxis und klarer, relationaler Theorie. Damit Menschen wieder an ihren Platz kommen: physisch, emotional und sozial.


[1] https://www.bischof.com/norbert_portrait.html

[2] https://www.bischof.com/norbert_raetsel_oedipus.html

[3] https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2018/mobilitaet/elisabeth-oberzaucher-interview-bleib-mir-von-der-pelle

[4] https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/territorialitaet

[5] Stangl, W. (2025, 5. Dezember). Territorialverhalten. Online Lexikon für Psychologie & Pädagogik. https://lexikon.stangl.eu/3680/territorialverhalten.

[6] https://www.bischof.com/norbert_raetsel_oedipus.html

Vorheriger Beitrag
Achtsamkeit, der Schlüssel zu Selbstfürsorge und persönlichem Wachstum

Related Posts

Es wurden keine Ergebnisse gefunden.